Pressemitteilung aus der Werra Rundschau vom 17.04.2026 - Stefanie Salzmann
Rettung durch neuen Verband
Erste vier Gemeinden im Kreis wollen Verwaltungen neu ausrichten
Werra-Meißner – Die Gemeinden Weißenborn, Berkatal, Wehretal und Meißner bereiten eine grundlegende organisatorische Neuausrichtung ihrer Verwaltungen vor. Sie wollen – die Zustimmung der Gemeindevertretungen vorausgesetzt – einen Gemeindeverwaltungsverband (GVV) gründen. Im günstigsten Fall könnte der Verband, der dann eine eigenständige öffentlich-rechtliche Gebietskörperschaft darstellt, ab Anfang 2028 seine Arbeit aufnehmen. Die Gemeinden behalten ihre politische Eigenständigkeit.
Das ist das Ergebnis einer Studie, die die vier Gemeinden innerhalb des zurückliegenden Jahres unter Leitung des Kommunalberatungsbüros Komprax Result erarbeitet haben und die am gestrigen Donnerstag mit klaren Empfehlungen vorgestellt wurde.
Die vier Gemeinden haben zusammen knapp 10.000 Einwohner und in unmittelbarer Zukunft ein Problem. Sie werden in den kommenden Jahren – vorwiegend aus Altersgründen – zwei Drittel ihres Verwaltungspersonals verlieren. Der Mangel an Fachkräften hat die Verwaltungen erreicht, und das bei wachsenden Aufgaben, die die Gemeinden für ihre Bürger zu leisten haben. „Der Handlungsdruck ist nicht wegzudiskutieren“, sagt Meißners Bürgermeister Friedhelm Junghans.
„Ein Verwaltungsverband ist eigentlich alternativlos“, sagt Carmen Möller von Komprax Result. „Man könnte sich noch zwei Jahre durchwurschteln, aber dann würden die Verwaltungen kollabieren.“ Denn mit zwei Dritteln gehender Mitarbeiter gehen auch zwei Drittel Fachwissen verloren. Daher empfiehlt die Studie den zügigen Übergang von bereits praktizierter „loser Kooperation“ hin zu einem „stabilen Rechtsrahmen“. Der zu gründende Verwaltungsverband soll als Dienstleister im Hintergrund fungieren.
Die Studie benennt vier Kernbereiche, in denen die Zusammenarbeit unter den Gemeinden zeitnah stark intensiviert werden soll. An vorderster Stelle steht die Finanzwirtschaft, in der eine Gemeinschaftskasse aufgebaut werden soll und zudem schrittweise Buchhaltung, Anlagenbuchhaltung und Steuerveranlagungen zusammengeführt werden. „Dort besteht der größte Handlungsdruck“, weiß Junghans. Weitere Felder sind IT und Digitalisierung. Die EDV-Ressourcen werden für bessere Datensicherheit und zur Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes zusammengefasst. Beim Bürgerservice sollen ein gemeindeübergreifendes Meldewesen und ein Standesamtbezirk gegründet werden.
Die Gründung des Verbandes – so erklärtes Ziel der vier Bürgermeister – soll bis Ende dieses Jahres von den Parlamenten beschlossen werden. Kommt es zur Gründung des GVV, erhält jede der beteiligten Kommunen noch mal 150.000 Euro.
Dienstleister im Hintergrund
Vergleichbare Gemeindeverwaltungsverbände, die als Dienstleister für Kommunen arbeiten, gibt es bereits einige in Hessen. Trendelburg und Bad Karlshafen haben 2024 den GVV Weser-Diemel gegründet. 2025 folgte der Zweckverband Oberes Edertal – Burgwald. Der Gemeindeverwaltungsverband hat die Funktion einer „Dienstleistungseinheit“ für die beteiligten Kommunen. Der GVV ist eine eigenständige Körperschaft des öffentlichen Rechts. Die Mitgliedskommunen können dem Verband verschiedene Aufgaben übertragen.
„Wir werden kein Personal einsparen“
Die ersten vier Gemeinden im Werra-Meißner-Kreis wollen Verwaltungsverband gründen
Weißenborn/Berkatal/Meißner/Wehretal – Mit der Gründung eines Gemeindeverwaltungsverbandes sind die vier beteiligten Kommunen Weißenborn, Berkatal, Meißner und Wehretal im Werra-Meißner-Kreis Vorreiter einer nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung. Denn die Studie, die die Personalsituation mit derzeit insgesamt 33 Mitarbeitern in den vier Gemeindeverwaltungen analysiert hat, hat eine „bedrohliche Realität“ offenbart, so Carmen Möller von Komprax Result. Sie hat die Studie im Auftrag der vier Kommunen und in Zusammenarbeit mit den Bürgermeistern und Hauptamtsleitern erarbeitet.
„Wir wollen jetzt lieber freiwillig zusammenarbeiten, als in absehbarer Zeit unter Zwang und Not reagieren zu müssen“, sagt Thomas Mäurer, Bürgermeister von Weißenborn.
Die Studie und die Gründung des gemeinsamen Verbandes seien „eine gute Grundlage, um unsere Verwaltungen für die Zukunft aufzustellen“, so Meißners Bürgermeister Friedhelm Junghans.
„Ich halte die Zusammenarbeit für unerlässlich.“ Und auch Lutz Bergner, Bürgermeister von Berkatal, sieht in der Kooperation die einzige Lösung, als Kommunen eigenständig zu bleiben, aber zugleich den steigenden Erwartungen und Herausforderungen gewachsen zu sein.
Wehretals Verwaltungschef Frank Kummer legt Wert darauf, dass vor allem die Mitarbeiter der Verwaltungen eng in den Aufbauprozess des Verbandes einbezogen werden.
Eins aber stellen die Bürgermeister unisono klar: „Wir werden damit kein Personal einsparen. Das ist kein Kostensparmodell, sondern ein Sicherungsmodell der Daseinsvorsorge.“
Am Donnerstag wurde das Verbandsmodell den Mitarbeitern der vier Verwaltungen in Weißenborn vorgestellt und mit ihnen diskutiert. Im nächsten Schritt soll das Konzept den neuen Gemeindevertretungen, die sich gerade konstituieren, vorgestellt werden. Bis Ende des Jahres sollen die Beschlüsse zur Gründung in allen vier Parlamenten gefasst sein.
Der Verwaltungsverband soll zunächst dezentral organisiert werden. Das kann heißen, dass beispielsweise das Standesamt in einer Kommune verwaltet wird, in einer anderen das Finanzzentrum.
Für die Machbarkeitsstudie haben die vier Gemeinden eine 100-prozentige Förderung vom Land in Höhe von 50.000 Euro erhalten. Die Gemeinde Ringgau hatte sich 2024 gegen eine Teilnahme an der Studie entschieden, ebenso die Stadt Eschwege, die ebenfalls gefragt worden war.
Das sagt Carmen Möller von Komprax Result, die an der Erstellung der Machbarkeitsstudie maßgeblich beteiligt war:
💡 Agieren statt Reagieren: Warum wir uns die Zukunft nicht aussuchen können, wohl aber unsere Antwort darauf. „Wir könnten uns noch zwei Jahre durchwurschteln.“ Diesen Satz habe ich im Rahmen meiner Studie für die Gemeinden Berkatal, Meißner, Wehretal und Weißenborn öfter gehört. Er klingt nach Sicherheit, ist aber das Gegenteil: Er ist der direkte Weg in den Kollaps. Die Fakten sind ungeschminkt: „Zwei Drittel des Verwaltungspersonals gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Mit ihnen verschwinden zwei Drittel des Fachwissens.“
Der Fachkräftemangel ist keine Prognose mehr, er ist Realität. Der Handlungsdruck ist nicht wegzudiskutieren. Deshalb freue ich mich sehr, dass diese vier Kommunen sich für einen souveränen Weg entschieden haben (wenn die Gremien das auch so sehen): Die Gründung eines Gemeindeverwaltungsverbandes (GVV). Warum das ein Gamechanger ist? Es geht hier nicht um ein klassisches Kostensparmodell. Es geht um ein Sicherungsmodell der Daseinsvorsorge. Die Gemeinden behalten ihre politische Eigenständigkeit, bündeln aber ihre Kräfte im Hintergrund mit z.B. folgenden Aufgaben: 1. Finanzwirtschaft: Aufbau einer Gemeinschaftskasse. 2. IT & Digitalisierung: Gemeinsame Ressourcen für mehr Datensicherheit. 3. Bürgerservice: Vernetztes Meldewesen und Standesamt.
Mein Learning als Autorin dieser Studie: Echte Souveränität bedeutet, sich rechtzeitig ehrlich zu machen. Wer freiwillig zusammenarbeitet, statt unter Zwang und Not reagieren zu müssen, behält das Heft des Handelns in der Hand. Ein großes Kompliment an die Bürgermeister und die 33 Mitarbeitenden, die diesen Weg der Veränderung jetzt gemeinsam gehen. Ab 2028 soll der Verband seine Arbeit aufnehmen. Ein starkes Signal für den Werra-Meißner-Kreis und ein Vorbild für ganz Hessen.
Statement von Carmen Möller auf den Artikel der Werra-Rundschau vom 17.04.2026
Es ist eine Sache, eine wissenschaftliche Studie zu erstellen, die den Weg in eine zukunftsfähige Verwaltung ebnet. Es ist eine andere, wenn diese Impulse von der Presse so fundiert aufgegriffen werden, wie es die Werra-Rundschau aktuell beim geplanten Verwaltungsverband Berkatal, Meißner, Wehretal und Weißenborn tut. Als Verfasserin dieser Studie freue ich mich über die mediale Resonanz. Denn was dort schwarz auf weiß steht, ist mehr als nur Theorie – es ist der Bauplan für eine souveräne kommunale Zukunft. Was die Berichterstattung (und meine Studie) im Kern sagt: Zusammenarbeit ist keine Schwäche: Wenn vier Kommunen ihre Verwaltung bündeln, ist das kein Verlust von Eigenständigkeit, sondern ein massiver Gewinn an Handlungsfähigkeit. Fachkräftemangel aktiv begegnen: Wir warten nicht, bis Stellen unbesetzt bleiben. Wir schaffen Strukturen, in denen Expertise dort gebündelt wird, wo sie gebraucht wird.Effizienz schafft Freiraum: Weniger Reibungsverluste im Apparat bedeuten mehr Zeit für die Gestaltung vor Ort.
Mein Resümee: Es geht um das „Wie“ wir morgen arbeiten wollen. Die Werra Rundschau bringt es auf den Punkt: Diese vier Gemeinden haben verstanden, dass man die Zukunft nicht aussitzen kann. Man muss sie führen.Ein großes Dankeschön an die Redaktion für die klare Aufarbeitung eines so komplexen und wichtigen Themas für unsere Region!